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100 Jahre Blaues Kreuz in Kiel - Presseartikel KN 11.06.2005

Es gibt Menschen, die werden zwei Mal geboren. Jedenfalls fühlen sie sich so. Sie feiern den ersten Tag, an dem sie nicht mehr zur Flasche, Tablette oder zu einem Geldstück für den Spielautomaten gegriffen haben als ihren "Trocken-Geburtstag". Die Selbsthilfe-Organisation Blaues Kreuz, die Menschen auf ihrem schweren Weg aus der Suchtspirale hilft, hatte gestern ebenfalls allen Grund zum Feiern. Mit einem Festakt im Bodelschwingh-Haus wurde die Gründung der Kieler Blaukreuz-Sektion vor 100 Jahren gewürdigt.

Es war ein bescheidener Anfang, damals am 5. Januar 1905, als der Stadtmissionsleiter und Diakon Johann Schröder die Bewegung zur Bekämpfung von Trunksucht mit einem Verein auch in Kiel etablierte. Die Anregung dazu kam aus der Schweiz. In Genf gründete der Theologe Louis-Lucien Rochat bereits 1877 einen "Schweizerischen Temperenzverein"; der Name Blaues Kreuz wurde bewusst der ebenfalls in dieser Zeit in der Schweiz entstandenen Hilfsorganisation "Rotes Kreuz" entlehnt. Acht Mitglieder zählte das Blaue Kreuz Kiel im Gründungsjahr 1905, zwei Jahre später schon 80. Heute sind etwa 400 Menschen zahlende Vereinsmitglieder, weitere 400 besuchen ebenfalls eine der rund 30 Selbsthilfegruppen, ohne Mitglied des von der Evangelischen Stadtmission getragenen Vereins zu sein.

Als Hilde zum Blauen Kreuz Kiel stieß, war sie ganz unten. Keinen Job, kein Geld, keine Kinder. Die hatte ihr das Jugendamt zwischenzeitlich entzogen, weil die Mutter von fünf Kindern sogar deren Geld verzockte. Freiwillig wäre Hilde wohl nicht dazu gekommen. "Die Frau vom Jugendamt hat mich richtig an die Hand genommen und hierher gebracht." Das ist jetzt 18 Jahre her, Hilde hat seitdem keine Spielhalle mehr betreten – und sie ist immer noch dabei. "Weil das Blaue Kreuz meine zweite Familie ist."

Die anderen im Kreis nicken. Sie alle waren so weit unten wie Hilde, hatten früher ihre Probleme durch Tabletten, Alkohol und Spielen weggedrückt, bis sie fast selber erdrückt worden wären – von Schuldgefühlen, Scham, Hoffnungslosigkeit, Selbstmordgedanken. Jeder in der Runde könnte stundenlang erzählen wie es damals war. Es fällt ihnen nicht mehr schwer, denn sie haben sich im positiven Sinne aus ihrer Sucht herausgeredet. Mussten in den wöchentlichen Sitzungen der Blaukreuz-Gruppen Worte finden für etwas, was sie oft selber nicht verstehen: Wie es dazu kommen konnte, sich so an den Abgrund zu zocken oder zu saufen.

Aber diese Ursachenforschung fällt nicht leicht, vor allem am Anfang. Günther kennt das aus eigener Erfahrung: "Früher ging ich allen Problemen aus dem Weg, stand nachts um drei auf, suchte die Cognac-Flasche in meinem Versteck hinter dem Sofa." Jetzt leitet Günther selbst eine Gruppe. Und wenn einer in der Alkoholiker-Runde sagt "ich hab kein Problem, mir geht's gut", dann weiß der 68-Jährige, dass genau das Gegenteil die Wahrheit ist. Denn wer Entgiftung inklusive Therapie hinter sich hat, ist trotzdem längst noch nicht über den Berg. Im Gegenteil. Dann geht er erst richtig los – der Marathonlauf weg von der Sucht, ein Rennen, das nie aufhört. "Wenn man wirklich süchtig war, bleibt man das ein Leben lang", sagt Elke, die früher nicht nur von Alkohol, sondern auch von Tabletten abhängig war.

Und dann sagt Elke einen Satz, der sprachlos macht: "Es war es wert, alkoholkrank zu sein." Längst vorbei sei die Zeit, als sie nie Nein sagen konnte, alles klaglos erduldete, für jeden da sein wollte, sich dabei selber aus dem Blick verlor bis sie die innere Leere mit Schnaps und Tabletten zu füllen versuchte. Seit 22 Jahren braucht die 65-Jährige die falschen Tröster nicht mehr, fühlt nun eine Zufriedenheit und Ruhe in sich, die es in ihrem alten Leben vor dem "Trocken-Geburtstag" nicht gab. So oder so ähnlich haben es die anderen in der Runde auch erlebt. Aber sie kennen auch die Macht der Sucht-Dämonen, die permanent darauf lauern, wieder Macht über ihr Leben zu bekommen. "Wer einmal den Alkohol richtig im Körper hatte, behält ihn in sich", sagt Doris, "bis sich der Sargdeckel schließt". Schweigen. Jeder hier weiß, was damit gemeint ist – und dass der Marathonlauf weg von der Sucht immer noch nicht zu Ende ist.

Wer Hilfe sucht, kann sich unter folgender Telefonnummer an das Blaue Kreuz wenden: 26044500.

Von Jürgen Küppers


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